Der Klimawandel ist mittlerweile im Alltag angekommen. Häufig wird über den wahrscheinlichen Zusammenhang zwischen starken Extremwetterereignissen und beginnendem Klimawandel berichtet. Andere Meldungen berichten über andere gefährliche Beobachtungen. Nur einige Meldungen, ausgeschnitten auf meinem Küchentisch und entsprechend nachrecherchiert, aus der letzten Zeit:

  • Seit 2007 steigt der Methangehalt der Atmosphäre (Wenzl 2017). Methan ist als Treibhausgas 30-mal stärker als CO2. Die Ursache ist noch unklar – Reisanbau, Rinderhaltung, Öl- und Gasförderung (Fracking…), eventuell auch Auftauen der Permafrostböden – kommen in Frage.
  • Das Great Barrier Reef hat durch die extremen Temperaturen der letzten beiden Jahre ohne eine Erholungszeit dazwischen, durch die Auswirkung von Wirbelstürmen, die Versauerung der Meere und die ins Meer gespülten Pflanzenschutz- und Düngemittel stark gelitten. Noch voriges Jahr wurde berichtet, dass zwar 22 % des Riffs tödlich getroffen seien, dies beträfe aber vor allem den nördlichen Teil, in dem 50% der Korallen abgestorben sind (GBRMPA, AIMS 2016). Es wurde hoffnungsvoll auf die Fähigkeit zur Erholung und Anpassung der Korallen verwiesen. Nur ein Jahr später musste festgestellt werden, dass nun  auch der mittlere Teil des Reefs von der Korallenbleiche betroffen ist. (GBRMPA, AIMS 2017).

  • Die Gefahr des Schwinden des Golfstroms wird wieder ernsthaft diskutiert (Liu et al. 2017). Dann wird zwar die Temperatursteigerung über Mitteleuropa zumindest teilweise kompensiert – aber großräumige Temperaturdifferenzen (gegenüber dem sich aufwärmenden „Rest der Welt“) sollten Wetterunbilden fördern.
  • Das arktische Meereis verschwindet deutlich schneller, als in den bisherigen IPCC-Szenarien erwartet wurde (Abb. aus WBGU 2009: 10):
  • Der Meeresspiegel steigt so schnell, wie im gefährlichsten Szenario (seit 1995) (Rahmstorf et al. 2007):

    Die Steigungsrate hat sich erhöht. Während seit Beginn der Satellitenmessungen ein Ansteigen um 3,4 Millimeter pro Jahr festgestellt wurde, war das durchschnittliche IPCC-Modell nur von 1,9 Millimetern pro Jahr ausgegangen (Rahmstorf 2010).
    Inzwischen werden auch die Prognosen angepasst. Für das Jahr 2100 werden mindestens zwischen 0,5 und 1 Meter Anhebung des Meeresspiegels erwartet, manche Forscher gehen auch von 2 Metern aus (Horton et al. 2014). Die früheren Schätzungen, so auch vom IPCC aus dem Jahr 2007 über einen möglichen Anstieg zwischen 18 und 59 cm, mussten geändert werden, weil nun das beobachtete beschleunigte Abschmelzen des arktischen und grönländischen Eises mit einbezogen wird. (Rahmstorf 2010)


Diese Beschleunigung kommt von positiven, also den Effekt verstärkenden, Rückkopplungen:

Wenn Meereis verschwindet, wird mehr Sonnenlicht vom dunkleren Meer absorbiert (d.h. die Albedo, d.h. das Rücstrahlvermögen wird geringer), was mehr Wärme einträgt (Bild aus ESKP 2016):

Eis auf dem Land bildet sog. „Gletschermühlen“ aus, wodurch sich eine Schmelzwasserschicht zwischen Eis und Erdboden ausbildet, auf der das Eis schneller „wegrutscht“ (Bild aus Wikipedia: Gletschermühle):

Die 2-Grad-Grenze war vorgeschlagen worden, weil man annahm, die Grenze zwischen „tolerablem“ und „gefährlichem“ Klimawandel läge bei einer Temperaturerhöhung um 2 Grad. Alles, was aus der Erhöhung der durchschnittlichen globalen Temperatur bis zu 2 Grad folgt, sah man als tolerabel an. Dazu entstand eine Abbildung, bei der verschiedene Faktoren wie die Bedrohung von Systemen, Extremwetterereignisse u.a. als Säulen in einem Diagramm dargestellt sind, wobei die Höhe das Maß der Temperaturerhöhung abbildet und die Färbung von weiß über gelb und orange bis rot die Stärke der Gefährdung ausmacht. Im IPCC-Bericht von 2001 gibt es dazu folgende Abbildung (leicht verändert aus Wikipedia: 2-Grad-Ziel):

Das hieß, dass beim Einhalten des 2-Grad-Ziels nur für einige einzigartige und bedrohte Systeme moderate Risiken bestehen und auch die Zunahme von Extremwetterereignissen nur gering sein würde. Allerdings ließen sich diese Einschätzungen nicht halten. Mit besseren Informationen über die Folgen höherer Temperaturen müssen die Gefahreneinschätzungen verschärft werden. Die 2-Grad sind inzwischen keine Grenze mehr zwischen „tolerablen“ und „gefährlichen“ Klimawandelfolgen, sondern zwischen „gefährlichen“ und „sehr gefährlichen“ Folgen. Dies verdeutlichen die entsprechenden Abbildungen aus den Jahren 2009 und 2014 (vgl. IPCC 2014b: 13). Sogar eine neue Farbe für sehr hohe Risiken, z.T. schon ab 2 Grad, musste eingeführt werden:

Wir sehen, dass die Scheidelinie zwischen einem moderatem Risiko und einem hohen Risiko für großräumige Störungen (ganz rechts) im Jahr 2001 bei einer globalen durchschnittlichen Temperaturerhöhung von 4 Grad angenommen wurde. Diese Linie rutschte 2009 bereits auf 3 Grad und 2014 auf 2 Grad. Das Risiko für einzigartige und bedrohte Systeme wurde 2001 ab ungefähr 2 Grad Temperaturerhöhung als kritisch betrachtet, 2009 lag diese Linie schon bei 1 Grad und vor allem 2014 wurde eingeschätzt, dass bei 2 Grad schon eine weitere Risikostufe, nämlich „sehr hoch“ einsetzt. Bei einem weltweit erreichten durchschnittlichen Anstieg von derzeit 0.85 Grad, wobei dieser Wert in einzelnen Regionen unter- in anderen überschritten wird, sehen wir die ersten Ergebnisse: ein zu 2/3 abgestorbenes Great Bearrier Reef, ein beschleunigtes Schmelzen der Arktis und Grönlands und vieler Gletscher.

  • ZEIT: Und, wie ist die Lage?
  • Schellnhuber: Verdammt ungemütlich. Im Grunde weisen alle aktuellen Ereignisse über den Klimawandel – wie sie gerade bei der großen Konferenz in Kopenhagen diskutiert wurden – darauf hin, dass die Situation noch schwieriger ist als vor wenigen Jahren befürchtet. Viele Worst-Case-Szenarien werden von der Wirklichkeit übertroffen. (Schellnhuber 2009)

Was das bedeutet, darüber macht man sich vor allem bei den Rückversicherern Sorgen. Aus einer Präsentation des Leiters der entsprechenden Forschungsgruppe der Münchener Rück (Munich RE) stammt folgende Abbildung (Höppe 2015: 20): Sie zeigt die weltweit wachsenden Schadensereignisse für meteorologische, hydrologische und klimatologische Ereignisse:

Die Zange schließt sich also. Auf der einen Seite erweisen sich bereits wenige Grad und Zehntelgrad Erwärmung als gefährlicher als gedacht – auf der anderen sind bereits Veränderungen zu beobachten, die die schlimmsten Prognosen von vor ca. 15 Jahren noch übertreffen.

Sogar das Weltwirtschaftsforum 2011 bewertete den Klimawandel als „eines der größten Risiken, mit sehr großen Auswirkungen und einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit“ (nach Höppe 2016: 2, vgl. etwas aktueller auch WEF 2017: 3).

Was tut sich mittlerweile an der Treibhausgas-Reduktionsfront? Bei jedem Gipfel bekennen sich ein paar Staaten mehr zu Zielen für die Treibhausgasreduktionen, zwischenzeitlich lösen sich einige von früheren Zielen, weil sie auf Kohle und gefracktes Öl nicht verzichten wollen. Aber der Erfolg bleibt ungenügend. Regelmäßig wird die Lücke zwischen den durch die Selbstverpflichtungen (INDC: „Intended Nationally Determined Contributions“ – die „national festgelegten Beiträge“ zur Senkung der Treibhausgase) der Staaten erreichbaren Emissionssenkungen und den für ein Unterscheiten des 2-Grad-oder gar des 1,5-Grad-Ziels notwendigen Senkungen dokumentiert (UNEP 2016: 5).

Die Lücke ist also nach wie vor groß und die Versprechungen werden nicht einmal eingehalten. Auch im Jahr 2016 stiegen die Emissionen wieder. Dabei wird auch noch darauf verwiesen, dass die „unveränderten Industrieemissionen“ unter anderem auf „die gute wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland zurückzuführen“ seien. (Umweltbundesamt 2017)

Der weltweite CO2-Ausstoß ist nicht zurückgegangen. Die folgende Abbildung (aus Höppe 2016: 14) zeigt den Verlauf der CO2-Konzentration in der Atmosphäre im Verlauf der Zeit für die Messstation Mauna Loa. Dabei sind die jahreszeitlichen Schwankungen mit dargestellt. Rechts ist der Anstieg für verschiedene Zeiträume dargestellt.

Wird die jahreszeitliche Struktur herausgemittelt, so zeigt sich sogar, dass jeweils nur Krisen eine zeitweise Reduktion der CO2-Emissionen ermöglichten (Olsson 2014: 6):

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