Dies ist ein zwischengeschobener Text, der auf einen Kommentar innerhalb dieser Beitragsserie eingeht…, inzwischen auch in Version 2 (am 9.5.2017 um einige nachrecherchierte Daten ergänzt)


In einem Kommentar meines Blogs wird vermutet, es gäbe „bisher keine Einigkeit über die Ursache des Prozesses“ und die Diskussion sei „allgemein sehr stark politisch dominiert“. Es sei „wohl noch nicht endgültig bewiesen, dass die Klimaveränderung kein Vorgang ist, der nicht auch so eintreten könnte.“ Den „den Beitrag des Menschen zweifelsfrei nachzuweisen halte ich für schwierig, da die Qualität und Aussagekraft der Daten über die Prozesse, die sich über Jahrhunderte und Jahrtausende erstrecken, sehr unterschiedlich ist“.

Woher haben wir unser Wissen?

Zuerst einmal muss man sich entscheiden, auf welche „Diskussion“ man sich bezieht. Wenn man mit einem beliebigen Stichwort aus der Klimadebatte Google befragt, könnte es tatsächlich passieren, dass man zu allen Meinungen gleich viele Treffer bekommt. Fake-„Fakten“ und Dummschwätzerei sind leider wohlfeiler zu liken und zu verbreiten als echt anstrengend zu erarbeitendes Wissen. Wenn man Zeitschriften anschaut, so haben schon jene die Überhand, die besorgt Angaben aus der neueren wissenschaftlichen Literatur oder den letzten IPCC-Berichten melden und bestimmte Naturereignisse wie Unwetter mehr oder weniger vorsichtig damit in Zusammenhang bringen. Aber, wie es bei ihnen üblich ist, versuchen sie oft, „alle Meinungen gleichberechtigt“ zu bringen und überlassen deshalb den Klimawandelskeptikern auch viel Raum. Innerhalb der wissenschaftlichen Diskussion, also in peer reviewten Fachzeitschriften und Konferenzen sieht das total anders aus. Dort sind die Skeptiker eindeutig Ausnahmefälle. Viele, die sich in ihrer Freizeit im skeptischen Sinn ausleben, beklagen das natürlich nur als Folge ihrer angeblich ungerechten Ausgrenzung dort. In den polemischen Auseinandersetzungen mag es auch so aussehen, als wären auf jeder Seite die gleiche Anzahl an Kontrahenten beteiligt. Tatsächlich jedoch tauchen viele zehntausende Klimaforscher da gar nicht als groß herausragende Personen heraus, obwohl sie tagtäglich und in ihren wissenschaftlichen Veröffentlichungen ihren wichtigen Teil beitragen, während bei den Skeptikern ein erhebliches Maß an Getöse in den öffentlichen Bekundungen zu beobachten ist.

Anderegg u.a. (2010) haben 1372 wissenschaftliche Arbeiten ausgewertet. Dazu sortierten sie die AutorInnen in ein Ranking nach der Zahl ihrer Veröffentlichungen und Zitierungen, um ihre Vertrauenswürdigkeit einzuschätzen. Unter den hiernach 200 höchstbewerteten befanden sich 2,5%, die nicht anerkennen, dass der Klimawandel menschlich erzeugt ist (was ungefähr mit anderen Analysen übereinstimmt, vgl. Sceptical Science 2017 (Engl.) (Deutsch)). Diejenigen, die den menschengemachten Klimawandel annehmen, veröffentlichen fast doppelt so oft, wie jene, die skeptisch sind. Auch ihre Zitierrate ist deutlich größer. Das folgende Bild zeigt das Ergebnis früherer Untersuchungen (aus Sceptical Science 2012) unter dem Titel „Why Climate Deniers Have No Scientific Credibility – In One Pie Chart”:

Während in der Wissenschaft sich immer mehr Nachweise und Sicherheit über den menschengemachten Klimawandel anhäufen, gelingt es den Skeptikern, Zweifel und Verwirrung zu stiften (vgl. Anderegg 2010). Ähnlichkeiten der Strategien letzterer mit den Kampagnen der Tabakindustrie zur Leugnung der Schädlichkeit des Rauchens sind offensichtlich. Über die Rolle des Heartland Institute als konservativer Think Tank und die kommerziellen Vernetzungen ihrer Vertreter weiß ja auch Naomi Klein (2016) einiges zu berichten. Sie haben großen Erfolg. Während, wie wir sahen, 97% aller publizierenden Klimaforscher davon ausgehen, dass der Klimawandel zum größten Teil von menschlichen Aktivitäten erzeugt wird, sehen das nur 58% der Menschen so (Sceptical Science 2017 (Deutsch)). Auch bei den Geowissenschaftlern, die nicht selbst über das Klima forschen, sind es nur 77%, die dies annehmen.

„Je mehr die aktive Forschung und Spezialisierung in den Klimawissenschaften zunimmt, desto mehr steigt auch die Überzeugung, dass der Mensch die globalen Temperaturen maßgeblich ändert.“ (ebd.)

Dass es, wie im Kommentar behauptet, keine „systematische Gegenüberstellung und Diskussion korrespondierender Argumente beider Seiten gäbe“, sehe ich nicht so. Hier gibt’s z.B. was: http://www.zum.de/Faecher/Materialien/thielen-redlich/Klima/Klima.html. Ich habe auch in gedruckten Medien schon mehrmals so etwas gesehen. Hier gibt’s z.B. was vom Umweltbundesamt. Hier gibt’s eine Zusammenfassung bei Wikipedia und hier eine (englische) Gegenüberstellung vom BBC, hier weitere Gegenüberstellungen.

Zur Einschätzung der Argumente ist es durchaus sinnvoll, sich mit der Besonderheit der wissenschaftlichen Arbeit bei Klimathemen beschäftigen. Jede Wissenschaft muss in ihren Methoden ihrem Gegenstand angemessen sein und das Klima ist etwas überaus Komplexes, wobei vieles positiv und negativ rückgekoppelt wird und so etwas wie eine einfache Newtonsche Mechanik niemals zu erwarten ist. Hans Joachim Schellnhuber, der ursprünglich aus der Komplexitätsforschung kommt, gibt in seinem Buch „Selbstverbrennung“ (Schellnhuber 2015) einen kleine methodischen Einstieg (vgl. auch das Thema „Erdsystemanalyse“).

Wer nicht so ausgiebig in die wissenschaftsmethodischen Themen einsteigen will, ist gut beraten, die Grundlagen des Ausarbeitens und Lesens von Diagrammen zu kennen. Kontroversen gibt es immer wieder (siehe z.B. hier). Da kann man sich unendlich tief hinein vertiefen und selber ExpertIn werden. Wo jedoch 5-jährige Zeitreihen als „Klimaveränderung“ interpretiert werden, ist schon das Thema verfehlt (vgl. Skeptical Science 2011) und wo die Achsen abgeschnitten oder künstlich verlängert oder verzerrt werden, sieht man meist auch so. Es werden auch entsprechende Darstellungen der IPCC-Wissenschaftler oft hart kritisiert, diese füllen dann seitenlange Polemiken. Aber bei den Skeptikern findet man massenhaft aus dem Zusammenhang gerissene Teilzeitreihen oder regional zutreffende Aussagen, die in nicht zutreffende Zusammenhänge gestellt werden. In den allermeisten Posts oder Quellen von IPCC-WissenschaftlerInnen jedenfalls werden wiederum zugrundeliegende Quellen angegeben und ich mache mir nicht umsonst die Mühe, bei meinen Beiträgen hier im Blog auch wenigstens eine weitere Ebene von Links mit anzugeben, weitere Recherchen in den jeweils dort zitierten Quellen sind bei genügend Zeit jederzeit möglich.

An diesen Quellen sieht man dann auch, wenn man sich durch ungefähr 100 durchgelesen hat, dass die wissenschaftlichen Positionen durchaus zutreffend durch die IPCC-Berichte zusammengefasst werden. Zum Zusammenhang zwischen IPCC und Politik kann man hier mehr nachlesen. Das Verhältnis von Wissenschaft und Politik ist hier meiner Meinung nach gut verteilt: Die Aufgabe von Wissenschaft ist, Möglichkeiten zu erkunden, also zu prognostizieren, was welche Handlungen und Unterlassungen mit bestimmter Wahrscheinlichkeit für Folgen haben. Die Entscheidung über das Tun und Lassen sind dann politische. Und wenn wir die Atmosphäre oder auch die Biosphäre als eine Art globale Allmende ansehen (als was sonst?), dann ist es mein und unser aller Recht, hier politisch Einfluss zu nehmen und die dementsprechenden Kenntnisse zu erwerben und zu nutzen.

Zu den Positionen des IPCC ist meine Erfahrung (wir verfolgen die Berichte seit dem Bericht der Enquete-Kommission in der BRD 1990), dass ihre Berichte eher zurückhaltend sind und Informationen über Gefährdungen zurückhalten, über die sie sich noch nicht einig sind, weil sie ihrer Meinung nach noch nicht genügend wissenschaftlich bestätigt sind. So war schon länger zu vermuten, dass Landeis schneller abrutscht, wenn sich sog. „Gletschermühlen“ bilden, wodurch sich Wasser zwischen Eis und Land als „Schmiermittel“ bewegt. Das ging aber erst später in die IPCC-Berichte ein (vgl. Rahmstorf 2010). Auch bei anderen nichtlinearen Prozessen waren die ersten IPCC-Berichte sehr zurückhaltend.

Vorsorge!

Wichtig finde ich den folgenden Satz aus dem eben genannten Kommentar:

„Politik, die auf Vorsichtigkeit aufbaut, wäre so eigentlich angeraten.“

Ich verstehe „Vorsichtigkeit“ hier auch als „Vorsorge“. Ich habe im Blogbeitrag über die Versauerung der Ozeane schon einmal über das Vorsorgeprinzip berichtet. Dabei werden Risikomanagement und eine Vorsorgesituation unterschieden. Wenn nur hypothetische Befürchtungen vorliegen (die Sonne könnte explodieren), besteht kein Handlungsbedarf. Ein Risikomanagement (z.B. durch eine Vorgabe von maximalen Arbeitsplatzkonzentrationen von schädlichen Stoffen) ist dann angebracht, wenn bekannte Wirkungen vorliegen mit quantifizierbaren Wahrscheinlichkeiten der Schädigung. Dazwischen liegt noch ein Bereich, in dem entweder ein auftretender Schaden vermutet wird, aber das Risiko nicht quantifizierbar ist oder auch die Schadensvermutung noch unter hoher Unsicherheit steht und echte wissenschaftliche Kontroversen bestehen. In diesen beiden Fällen, also sogar im zuletzt genannten, besteht Vorsorge gerade darin, auch bei einem Mangel an wissenschaftlicher Gewissheit Maßnahmen zur Vermeidung NICHT hinauszuschieben. Ich denke aber, dass für das Klimathema ogar die dringlichere Vorsorgesituation vorliegt, dass der mögliche Schaden mit guten Gründen vermutet wird, obwohl das Risiko nicht ganz genau quantifiziert werden kann. Vorsorge tut also tatsächlich not. Letztlich führen wir mit der Emission der Treibhausgase ein globales Experiment durch, das die Eigenschaft hat, dass wichtige Treibhausgase sich lange Zeit akkumulieren und viele Wirkungen zeitverzögert eintreten. Ein zu langes Abwarten mit Warnungen wäre hier unverantwortlich.

Die beste Antwort auf diesen Kommentar ist meiner Meinung dieser Beitrag aus der Memosphäre: Sogar wenn es nicht so schlimm würde, wie mit großer Wahrscheinlichkeit zu befürchten ist – was verlieren wir denn, wenn wir eine ökologisch verträgliche, gerechte Welt im Zusammenhang mit der Eindämmung der Folgen des Klimawandels schaffen?

Gibt es einen Klimawandel?

Die Frage, ob es einen Klimawandel gibt, gehört bald der Geschichte an. Natürlich ist nicht jeder warme Sommertag gleich ein Beweis für den Klimawandel. Noch nicht einmal ein paar warme Jahre hintereinander. Denn von Klima spricht man erst bei Zeitreihen von ungefähr 30 Jahren. Temperaturangaben werden dazu dann „geglättet“, d.h. mathematisch mit einem Tiefpassfilter gefiltert. Trends von 10 Jahren geben aber auch schon Hinweise für klimatische Veränderungen. Insofern begann die Diskussion über den „Stillstand“ des Temperaturanstiegs um das Jahr 2000 gerade interessant zu werden, als deutlich wurde, dass nichts still stand (vgl. Stern, focus, bildungssserver). Den Simulationen vorzuwerfen, den „Stillstand“ der Jahre 1998 bis 2012 nicht vorhergesagt zu haben (SWR)., verkennt wiederum die Definition des Klimas, bei dem nicht jährliche Schwankungen als solche das Thema sind, sondern Jahrzehnte überschauende Trends (vgl. entsprechende Untersuchungen dazu in IPCC 2014a: 43).

Dass der Anstieg der durchschnittlichen globalen Temperatur seit Beginn des Industriezeitalters um 0,85 Grad außergewöhnlich ist, wird oft mit einem Verweis auf die mittelalterliche Warmzeit zwischen dem 9. und dem 11. Jahrhundert bezweifelt. In einzelnen Regionen Europas lagen die Temperaturen damals zwischen 1 und 1.5 Grad höher als im Mittel des 20. Jahrhunderts. Dies betraf aber nicht den globalen Durchschnitt und nicht einmal die ganze Nordhalbkugel. Auch jetzt übersteigt der Temperaturanstieg in Deutschland mit 1,4 Grad den globalen Durchschnitt von 0,85 Grad deutlich. Wenn also lokale mit globalen Temperaturänderungen verglichen werden, um den jetzigen Anstieg zu relativieren, werden Äpfel mit Birnen verglichen (Cook 2014, Wikipedia: Mittelalterliche Warmzeit).

Außerdem werden als Ursachen für den mittelalterlichen Anstieg der Temperaturen folgende Faktoren angegeben: starke Sonneneinstrahlung, niedrige Vulkanaktivität und Veränderungen im Muster der Ozeanzirkulation. All diese Faktoren sind heute nicht als Verursacher der Erwärmung auszumachen (Way 2016, Bildungsserver).

Was spricht dafür, dass der derzeitige Klimawandel menschengemacht ist?

Wenn schon die globale durchschnittliche und auch regionale Temperaturerhöhung, also ein aktueller „Klimawandel“ anerkannt wird, so wird doch noch öfter in Frage gestellt, dass der Klimawandel menschengemacht ist.
Andere Faktoren wurden untersucht, aber bisher korrelieren andere mögliche Faktoren nicht so gut mit der Temperatursteigerung wie der Anstieg der Treibhausgase. Dies zeigt ein Bild (aus Wikipedia: Globale Erwärmung):

Die Sonneneinstrahlung wächst nicht gleichermaßen wie die Temperatur, Vulkane nehmen nicht im gleichen Maße ab (sonst wäre der Temperaturanstieg von den Ursachen her vergleichbar mit der oben schon erwähnten mittelalterlichen Warmzeit).

Das Abwägen der verursachenden Faktoren ist seit langem Bestandteil der IPCC-Berichte. Diese Berichte haben für Nichteingeweihte eine eigenartige Formulierungsweise. Es tauchen ständig Formulierungen wie „likely, very likely“ usw. auf. Die sind nicht einfach beliebig sprachkünstlerisch eingefügt, sondern sind genaue Angaben darüber, wie sicher sich die WissenschaftlerInnen in den entsprechenden Gremien sind (siehe mehr dazu hier). Das Wort „wahrscheinlich“ wird nur verwendet, wenn die Wahrscheinlichkeit über 66% beträgt und das Wort „sehr wahrscheinlich“ für eine Wahrscheinlichkeit von über 90%.

Über die anthropogenen Treibhausgasemissionen schreiben sie (vorläufige deutsche Übersetzung der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger):

„Ihre Auswirkungen wurden, in Kombination mit denen anderer anthropogener Treiber, im gesamten Klimasystem nachgewiesen und es ist äußerst wahrscheinlich, dass sie die Hauptursache der beobachteten Erwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind.“ (IPCC 2014d: 4)

Im ausführlichen Bericht wird darauf verwiesen, dass der Nachweis der menschlichen Verursachung sich seit dem letzten Bericht erhärtet hat. Die folgende Abbildung zeigt die möglichen Antriebe der Erwärmung mit ihren jeweiligen wahrscheinlichen Bandbreiten (durch die „Antennen“ gekennzeichnet) (aus IPCC 2014d: 6).

Natürliche Antriebe wie die Sonnenstrahlung oder Vulkanaktivitäten sind in den untersuchten Jahrzehnten weder in Richtung Erwärmung noch Abkühlung deutlich wirksam. Bestimmte menschliche Beiträge wie Aerosole wirken vorwiegend abkühlend (der gelbe Balken) und die Treibhausgase erwärmend (grüner Balken). Man sieht die Angabe der Unsicherheiten, aber es wird auch deutlich, dass angesichts der beobachteten Erwärmung (schwarz) die aus kühlenden und erwärmenden „kombinierten anthropogenen Antriebe“ die beobachtete Erwärmung gut erklären können.

Ansonsten gilt auch hier schon: Sogar wenn es noch nicht bekannte andere erwärmende Faktoren gäbe, sollten wir schleunigst die Heizung, die wir selber verantworten, ausschalten.

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