Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“.


Ein Buch zur rechten Zeit: In dieser Zeit des Aufschwungs der „rechten“ Bewegungen wird der Gedanke ernst genommen, dass es so wie bisher nicht weiter geht. Damit es nicht nur in die rechte Richtung weiter geht, werden dringend links-alternative Ziel- und Wegbeschreibungen gesucht. Dass der Kapitalismus aufgehoben werden soll, ist so sicher, dass es nicht einmal begründet werden muss im Buch von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz (im folgenden abgekürzt als S&M) mit dem Titel: „Kapitalismus aufheben“. Im Wort „Aufheben“ steckt die Dreieinigkeit, einen Zustand zu beenden, aber gleichzeitig auch etwas zu bewahren und auf diese Weise hin-auf zu heben. Das heißt für den Übergang von der kapitalistischen Welt hin zu einer besseren, und wenigstens gedanklich sogar der bestmöglichen aller menschlichen Welten, dass „es beispielsweise den Verwertungszwang abzuschaffen [gilt], bestimmte Produktionsverfahren zu bewahren und die globale Verfügung über unsere Lebensbedingungen qualitativ so zu gestalten, dass niemand mehr herausfällt.“ (S&M: 9)

Wer könnte sich das nicht wünschen? Manche können es sich aber trotzdem nicht vorstellen oder glauben nicht daran, dass es möglich sein könnte. Deshalb stellen sich Simon und Stefan die Aufgabe, die Möglichkeit einer solchen nicht-kapitalistischen Welt zu begründen. Diese noch nicht verwirklichte, aber wünschbare Möglichkeit, also diese Utopie im besten Sinne des Wortes, soll nicht nur vorgestellt werden, für sie soll nicht nur rhetorisch argumentiert werden, sondern ihre Möglichkeit soll diesmal wirklich wissenschaftlich nachgewiesen werden. Dies geschieht, in dem diese Möglichkeit aus dem „Begriff vom Menschen“ abgeleitet wird, der „Resultat eines ausgewiesenen wissenschaftlichen Prozesses“ sein soll (S&M: 119).

Erst nachdem so der Horizont maximal geweitet ist, macht es Sinn, über den Weg dahin, also die Konzeption einer Transformation nachzudenken, weil sonst alle Transformationskonzepte erfahrungsgemäß zu kurz springen und nur zu schwache Variationen des gegenwärtigen Zustandes anzielen. Diese Unterscheidung in einen sog. „Utopiediskurs“ und den „Transformationsdiskurs“ (ebd.: 93) wurde aus Erfahrungen aus dem Diskussionsblog „Keimform.de“ abgeleitet, der seit vielen Jahren die Entwicklung der Gedanken, die in diesem Buch diskutiert werden, begleitet. In diesem Buch wird vieles aus diesem Blog stringent nachlesbar zusammengefasst und dies wird eine wichtige Orientierungsfunktion erfüllen. An den Konzepten und Begriffen im Buch wird sich zeigen, was aus der Sicht der Autoren in dieses Diskursuniversum hineinpasst und was herausfällt. Während im Blog viele Menschen mitunter viel Verschiedenes schreiben, werden im Buch klare Abgrenzungslinien gezogen. In Anlehnung an ein Zitat von Engels wäre hier zu erwarten: „Aber ein neues Buch ist doch immer eine öffentlich aufgepflanzte Fahne, und die Außenwelt beurteilt danach…“ (Engels MEW 19: 8)

Die Abgrenzungen finden sich vor allem im ersten Teil. In diesem „ersten Teil wollen wir einen Rahmen für utopische Theorie und Aufhebungstheorie entwickeln“ (S&M: 10). Diese „rahmentheoretischen Pfeiler“ (ebd.: 97) bestehen aus einer kategorialen Utopietheorie und einer Aufhebungstheorie. Danach entwickeln die Autoren eine „eigene Utopie- und Aufhebungstheorie in diesem Rahmen“ (ebd.), d.h. für die kategoriale Utopietheorie den „Commonismus“ und für die Aufhebungstheorie die „Keimformtheorie“. Der Rahmen aus dem ersten Teil soll im Wesentlichen nicht in Frage gestellt werden, aber die konkreten Konzepte aus dem zweiten Teil können durchaus variiert werden. „Der theoretische Rahmen erschafft einen Raum, in dem die verschiedenen Einzeltheorien ihre Gedanken formulieren und ihre verschiedenen Möbel aufstellen. […] Dieses Buch will eine Einladung sein, indem es einen solchen Raum schafft, die Möbel darin aber nicht vorgibt, sondern nur einige – besonders schöne – hineinstellt.“ (ebd.: 10)

Die genannten Abgrenzungen tauchen erst einmal nicht auf, wenn man sich die Utopie anschaut, diese menschliche Möglichkeit, dass sich jede und jeder so entfalten können, dass niemand darunter leiden muss, dass es weder auf Kosten von anderen Menschen oder der Natur geht… Diese Utopie bietet Anknüpfungspunkte für viele vage Wünsche und Hoffnungen. Endlich schreibt mal wieder jemand, was wir mit gutem Gewissen wollen dürfen und was wir brauchen könnten, um uns zu orientieren. Nach einem Vortrag von Simon auf der Ferienuni Kritische Psychologie in Berlin konnte ich das Echo dieser Ideen in der Essensschlange und am Esstisch hören, als Dabeigewesene ihren FreundInnen davon berichteten.


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