Dieser Text gehört zum Projekt „Über Utopie und Transformation neu nachdenken“. (Version 1.9 seit 10.11.)


„Wenn man „Klassen“ und Klassenverhältnisse einfach aus den Kategorien
und damit aus dem politischen Diskurs entfernt, verhindert man aber noch lange nicht,
dass sich all jene kollektiv im Stich gelassen fühlen, die mit den Verhältnissen
hinter den Wörtern objektiv zu tun haben.“ (Eribon 2016: 122)

Auffallend für alle*, die Marx und den Marxismus kennen, ist die Leerstelle der Klassenverhältnisse im Buch von Stefan und Simon. Sie tauchen lediglich auf, wo die Autoren den abgelehnten „traditionellen Marxismus“ mit seinen Vorstellungen von Kapitalismus als Klassenherrschaft kurz darstellen (S&M: 57) und sie zweifelnd referieren, dass es früher eine Konzeption gegeben habe, dass sich die „Nebenwidersprüche“ mit den Klassenverhältnissen auflösen würden (ebd. 199). Die Autoren machen sich also schon gar nicht mehr die Mühe, die Klassen irgendwie in eine kritische Gesellschaftstheorie einzuordnen. Mehr zur Verabschiedung des Klassenbegriffs steht noch in dem Buch von Stefan Meretz: „Die „Grundlegung der Psychologie“ lesen“ von 2012. Gegenüber der noch von Klaus Holzkamp vertretenen Konzeption betonte Stefan hier:

  • „… es ist nicht so, dass die Arbeiterklasse ein „Allgemeininteresse an der Überwindung von Verhältnissen klassenbedingter Fremdbestimmtheit überhaupt“ repräsentiert“ (Meretz 2012a: 70, zitiert Holzkamp 1983: 199f.)
  • „Der Klassenkampf ist ein dem Kapitalismus immanente Bewegungsform der Austragung des Interessengegensatzes zwischen Kapital und Arbeit.“ (ebd.)
  • „Der vorgeblich antagonistische, tatsächlich aber immanente Interessengegensatz von Kapital und Arbeit wurde als Realgegensatz von „Kapitalisten“ und „Arbeitern bzw. „Ausbeutern“ und „Ausgebeuteten“ personifiziert und zur polaren Entscheidung verkürzt, wer über die gesellschaftlichen Angelegenheiten verfügt („auf welcher Seite stehst du“ „die oder wir“ etc.).“ (ebd.)

Die „traditionelle Klassentheorie“ weise „einer Klasse die Rolle des „historischen Subjekts“ (die Klasse, die den Kapitalismus aufhebt) zu“ (ebd.: 71). Diese Klassentheorie weise „einer Seite im Klassen-Widerspruch die Lösungspotenz zu“ (ebd.). Insgesamt gehe es Stefan nicht darum, „die Existenz sozialer Klassen in Abrede zu stellen, auch nicht die Gegensätzlichkeit ihrer Interessen, sondern kritisiert wird im Kern die These der prinzipiellen Identifizierung der Interessen der Arbeiterklasse mit allgemeinmenschlichen Interessen.“ (ebd.: 96).

Schon hier führen lediglich Vorstellungen eines defizitären „Lehrbuchmarxismus“ (Graf 2012) zur Verabschiedung von einem wesentlichen Grundbegriff des Marxismus. Damit wird „das Kind mit dem Bad ausgeschüttet“. Solche wie die kritisierten Doktrinen folgen dem kritisierten Dogmatismus, weil sie Alternativen, die es im Marxismus auch gab und gibt, verleugnen. So stellt Michael Vester im „Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus“ die Geschichte und die Varianten des Klassenbegriffs ausführlich dar, unterscheidet dabei eine „mechanistische“ und eine „praxeologische“ Linie (Vester 2008, Vester 2017). Tatsächlich ist in den Lehrbuchversionen das, was bei Marx „nichts anderes ist als die summarische Zusammenfassung langer Entwicklungen“ (MEW 19: 111) dann oft als „Konstruktion a priori“ (MEW 23: 27) missverstanden worden. Vielleicht sind diese dann auch in der von Stefan referierten Form verstanden worden. Eine Konzeption, die über Marx hinausgehen will, sollte vorher aus diesen Sackgassen herausgekommen sein, ohne die Bedeutung der Thematik gleich mit zu verleugnen.

Auch unter Berücksichtigung der gegenüber Lehrbüchern erweiterten Sichtweise auf Klassen geraten wir hier wieder zu der fundamentalen Frage nach dem, was das Wesen des Kapitalismus ausmacht bzw. was nur eine Erscheinungsform ist. Für Stefan ist der „Interessengegensatz von Kapital und Arbeit […] Erscheinungsform der zugrunde liegenden Prozesse der Produktion der gesellschaftlichen Lebensbedingungen in getrennter, privater Form“ (Meretz 2012a: 97). Für Marx dagegen war klar, dass „[n]icht der Austausch, sondern ein Prozeß, worin er ohne Austausch vergegenständlichte Arbeitszeit, d.h. Wert erhält, kann ihn [den Kapitalisten AS] allein zum Kapitalisten machen“ (MEW 42: 243).

Im „Kapital“ wird tatsächlich zuerst die Problematik der Wert-Verwertung diskutiert, erst später kommen die Arbeitskraftverkaufenden ins Spiel. Man kann nun annehmen, dass „die Klassen […] in der Marxschen Theorie letztlich eine sekundäre, abgeleitete Kategorie“ wären, wie Kurz und Lohoff annahmen (Kurz, Lohoff 1989). Wenn man aber Marxens Vorhaben ernst nimmt, dass er den Kapitalismus im „Kapital“ dialektisch darstellen wollte, so ist erst das, was am Ende erarbeitet wurde, die vollständige Wahrheit, d.h. das, auf welches alles andere als in seinen „Grund“ zurückgeführt wird (siehe dazu auch Schlemm 2017a: 31f.). Der Grund des Kapitalismus sind soziale Verhältnisse, bei der „doppelt freie Lohnarbeitende“ (die persönlich frei und frei vom Eigentum an Produktionsmitteln sind) ihre Arbeitskraft an Produktionsmitteleigentümer (egal ob das Menschen oder Institutionen sind oder Finanzfonds, die ihre eigene Rente finanzieren sollen…) verkaufen müssen. Nur dann kann das, worum die Unternehmen konkurrieren (müssen) überhaupt erst produziert und enteignet werden: der Mehrwert. Ohne die Besonderheit der Ware Arbeitskraft als Mehrprodukt/Mehrwertproduzierende gäbe es keine kapitalistische Dynamik, weil mögliche Gewinne höchstens zufällig aus Praxen des Übervorteilens entstehen könnten und durch Verluste bei den Verlierern ausgeglichen würden. Der Profit entsteht ja nicht aus der allgemeinen Konkurrenz der Unternehmen gegeneinander (der Exklusionslogik der Unternehmen als „Produzent*innen“), sondern der Ausbeutung der lebendigen Arbeit als ganz besonderer „Produktionsfaktor“.

An anderer Stelle (in der der erste Band des „Kapital“ zusammengefasst werden soll) bestätigt Marx zuerst die zirkulationsfokussierte Sicht, dass sich Kapitalist und Arbeiter „nur als Warenverkäufer“ (Marx Resultate: 68) begegnen. Dann kommt das „aber“: Die verschiedenen Sorten von Waren haben eine „spezifisch polare Natur“ und daraus ergibt sich nur für den Arbeiter eine besondere Entfremdung und ein wesentlicher Unterschied zwischen Arbeiter*in und Unternehmer*in:

„Insofern steht hier der Arbeiter von vornherein höher als der Kapitalist, als der letztre in jenem Entfremdungsprozess wurzelt und in ihm seine absolute Befriedigung findet, während der Arbeiter als sein Opfer von vornherein dagegen in einem rebellischen Verhältnis steht und ihn als Knechtungsprozess empfindet.“ (ebd.: 69)

Deshalb haben Arbeiter*innen nicht nur ein kapitalismusimmanentes Interesse an höherem Lohn, wie Stefan unterstellt. Sondern, das zeigen die Praxen der Klassenkämpfe auch:

„Es geht immer darum „ob, wie stark und zu welchem Preis die Warenform durchgesetzt werden kann“ (Cleaver 2012: 196, kursiv AS).

Es gibt nicht unbedingt eine klare Scheidelinie zwischen Kapital und Arbeit; Widersprüchlichkeit gehört dazu, denn „[u]m gegen das Kapital zu kämpfen, muß die Arbeiterklasse gegen sich selbst, insofern sie Kapital ist, kämpfen.“ (Tronti, zitiert in Vorwort Tronti 1965) Solche Kämpfe werden geführt – mit der Ablehnung des Themas „Klassen“ kann darüber nicht mehr gesprochen werden.

Gleichzeitig wird die Rolle der Ausgebeuteten und Unterdrückten – als ein Pol in jeweils historisch-konkret bestimmten Klassenstrukturen – in der Geschichte im Marxismus auch nicht immer mit dem Glorienschein der Vertretung des höheren „Allgemeininteresses“ oder der Transformierung der Gesellschaftsform identifiziert. Nur „hin und wieder“ wurde z.B. die These vertreten, „die römische Sklavenhalterordnung sei durch den revolutionären Kampf der Sklaven und Kolonen überwunden worden“, was sich jedoch als „nicht begründet“ erwiesen habe (vgl. Herrmann 1975: 24).

Deshalb ist das Ausklammern der Klassenbeziehung aus den von Stefan 2012 genannten Gründen – insbesondere für die Frage der Transformation – nicht begründet, denn die Klassenbeziehungen spielen in und auch noch ausgehend von Klassengesellschaften eine maßgebliche Rolle, wenigstens als eine der wesentlichen Bedingungen für Transformationen (vgl. Brenner 1976/1995, Brenner 1982/1995).

Hinter der „Entnennung“ der Klassenbeziehungen in der Gesellschaftstheorie von Stefan und Simon steckt ein kurzschlüssiger „Objekt-/Ebenenwechsel“. Sie betrachten alle Menschen als Individuen, die subjektiv begründet handeln. Auf der individuellen Ebene ist dies sicher richtig. Es ist aber kurzschlüssig, dies einfach auf die gesellschaftliche und damit geschichtliche Ebene zu übertragen. Stattdessen müsste die inhaltliche Ausfüllung des kritisch-psychologischen Begriffs der „Position“ (als einer „sich aus der Stellung im arbeitsteiligen Gesamt der Gesellschaft ergebende Funktionszuweisung, die jeweils „ich“ als „meine Position“ realisiere und übernehme“ (Holzkamp 1993: 137)) und der „Lebenslage“ (als „Inbegriff der gesellschaftlich produzierten gegenständlich-sozialen Verhältnisse vom realen Standort der Individuen aus“ (Holzkamp 1983: 197) bezogen werden auf die gesellschaftlich-„systemischen“ gegensätzlichen „ökonomischen Stellungen und Lebenslagen“ – also der differenzierten und gegensätzlichen „äußeren Handlungsmöglichkeiten“ – die zum Grund der Differenzierung von „inneren Handlungsdispositionen“ der sich je nach konkreter geschichtlicher Situation bildenden Klassen werden (Vester 2008: 736). Die gesellschaftlich-„systemisch“ differenzierten und entgegengesetzten objektiven Handlungsmöglichkeiten werden in der Realität erfahren und aus „praktischen Beziehungs- und Konfliktdynamiken“ (Vester 2017: 9) entsteht ein immer auch veränderlicher bzw. prekärer Klassenzusammenhalt.

Dies zeigt sich, was bei Vester nicht thematisiert wird, auch in geschichtlichen Bewegungen. So beschreibt Robert Brenner ausführlich, dass differenzierte Gruppen gemeinsame „Strategien zur Selbstreproduktion“ als Klasse haben und dass Veränderungen der Klassenstruktur, die auf Kämpfen und dadurch entstehenden Eigentumsverhältnissen beruht, wesentlich für geschichtliche Transformationsprozesse sind (Brenner 1976/1995, Brenner 1982/1995), wobei in der Rezeption durch Ellen M. Wood vor allem die Ergebnisse dieser Kämpfe als Ausgangspunkt genommen werden und die Kämpfe selbst nicht mehr thematisiert werden (Wood 2015: 116ff.).

Ich möchte auch noch einmal zurückkommen auf die abschließende Bemerkung des vorigen Abschnitts, wonach mit der Hervorhebung der Bedeutung der spezifisch kapitalistischen Ausbeutung als Kernelement des Kapitalismus noch nichts darüber gesagt sei, ob und ggf. wie die Träger*innen der Arbeitskraft eine „transformatorische Potenz“ haben, was ihnen Stefan abspricht (Meretz 2015). Ich weiß nicht, welche Vorstellung einer „transformatorischen Potenz“ Stefan hier hat. Letztlich jedoch stellt sich die Frage: Wer anders als die Menschen, die in ihrer Gesamtheit die Gesellschaft arbeitend reproduzieren, sollte die Transformation realisieren? In einem fast genau 50 Jahre alten Text beschreibt z.B. Friedrich Tomberg, dass der Kapitalismus immer weiter eine Gesellschaftlichkeit der Produktion vorantreibt, und diese enthält eine Gegentendenz zur privatisierenden Form der Aneignung und Organisierung der Arbeit. Daraus ergibt sich dann: „Als „gesellschaftliche Individuen sind die kombinierten Arbeiter endlich in die Lage versetzt, ihre Produktion selbst regeln sowie die von ihnen hergestellten Produkte an sich als die Konsumenten selbst vermitteln zu können. Das Kapital ist damit als Vermittler entbehrlich geworden, als Parasit allein aber vermag es sich nicht mehr zu halten“ (Tomberg 1969: 203-204). Wir kennen diese Debatten aus der Nutzung der Argumente aus den Marxschen „Grundrissen…“, die einst bei „Oekonux“ und zu Beginn von „keimform.de“ eine große Rolle gespielt haben. Diese Möglichkeit, dies betont Tomberg, muss aber noch bewusst ergriffen werden und auch er gibt der Befürchtung großen Raum, dass die entfremdete „Macht der Gewohnheit“ „ sich offenbar auch gegen objektive gesellschaftliche Erfordernisse durchzusetzen vermag“ (ebd.: 217). Aber auch dann noch gilt, dass in unbewusster Weise die Arbeitenden es sind, die den gesellschaftlichen Produktionsprozess betreiben und vorantreiben, der die „Gesellschaftlichkeit“ immer weiter vorantreibt und damit die grundsätzliche Möglichkeit, diese auch tatsächlich in die eigenen Hände zu nehmen. Dieses „in die eigenen Hände nehmen“ gegen jene, die es ihnen verweigern, darf man dann ruhig auch Klassenkampf nennen.


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