Die streikenden Schülerinnen und Schüler haben das Thema Klimawandel endlich ins Gespräch gebracht. Seit einigen Monaten sickert das Wissen über den Ernst der Lage auch verstärkt über die Medien ins Bewusstsein und verursacht Unbehagen und auch Ängste.

Also muss schnell eine Lösung her. „Flugscham“ im Flieger hilft schließlich nicht wirklich gegen die Erderwärmung. Eine der vorgeschlagenen Lösungen, die CO2-Steuer, ist nicht wirklich neu. Viele in der SPD fordern sie, die CDU/CSU ist dagegen und will lieber den Handel mit Emissionszertifikaten ausbauen. Die SchülerInnen von Fridays4Future fordern eine Steuer von 180 Euro pro Tonne CO2. (Dies wurde vom Umweltbundesamt berechnet als Schaden aus einer Tonne CO2. Ich komme auf diese Berechnung noch einmal zurück).

Meine Position dazu ist nicht so eindeutig. Bei dieser Frage kann es nur ein „Ja, aaaaber…“ geben. Schon die Alternative CO2-Steuer oder Zertifikatehandel ist letztlich nur eine „Illusion der Alternativen“, die den Blick auf echte Auswege verdeckt.

Eine CO2-Steuer war in den 90er Jahren schon mal im Gespräch. Dann gaben 17 Wirtschaftsverbände eine „Selbstverpflichtungserklärung“ zur CO2-Reduktion ab und die Steuer war erst mal vom Tisch. Tatsächlich konnten die Treibhausgasemissionen einigermaßen stabilisiert werden, nachdem sie für Gesamtdeutschland durch den Niedergang der DDR-Industrie schon mal gefallen waren. Aber die notwendigen Ziele, die Emissionen nicht nur zu stabilisieren, sondern deutlich zu senken, d.h. also die Emissionskurve „in den Knick“ nach unten zu bekommen, gelang – außer im Krisenjahr 2009 – nicht.

CO2-Emissionen in Deutschland (V. Quaschning)

Eine CO2-Steuer würde, im Unterschied zu bisherigen ähnlichen Steuern, auch für die Bereiche Heizung und Verkehr den Ausstoß von CO2 verteuern und das soll auf marktkonforme Weise zu einer Senkung dieser Emissionen führen.

Oft wird darauf verwiesen, dass es weltweit bereits mehr als 70 Maßnahmen zur CO2-Bepreisung gibt. Das gilt als Empfehlung und soll die Scheu davor nehmen. Was dabei aber fehlt, ist eine Bilanz der Wirkung.

Es funktioniert nicht!

In den Ländern Finnland, Schweden, Norwegen und Dänemark gibt es eine Art CO2-Steuer schon seit Anfang der 1990er Jahre. Diese Länder sind nicht die Schlechtesten bei der langsamen CO2-Emissionssenkung, aber in Finnland bzw. Schweden war die Senkungsrate in den 70er und z.T. 80er Jahren sogar größer gewesen als dann in den 90ern und später. Grundsätzlich aber sie sind auch nicht deutlich besser als andere Länder und erst recht nicht kommen sie damit in den „Knick“, wie es nun dringend erforderlich wäre.

Nicht zufällig sind auch die Energiesteuern für die Industrie in Finnland weit niedriger als für Haushalte und die Dienstleistungsbranche. Nun kann man sagen, dass es in Finnland und den anderen Ländern nur „nicht richtig genug“ angepackt wurde. Aber wer kann sagen, dass es diesmal und in Deutschland funktioniert? Dabei sind schon die Ziele höchst unklar. Einmal wird betont, dass es vor allem um das Antriggern von technologischem Wandel gehe, dass also z.B. alternative Energiequellen gegenüber den steuerbelasteten fossilen begünstigt würden. Um dies zu erreichen, hätte man nur die so gut angelaufene sog. „Energiewende“ in Deutschland nicht in die falsche Richtung drängen und größtenteils abwürgen brauchen. Mindestens müsste man die Subventionen für fossile Energieträger von mehr als 46 Mrd. Euro pro Jahr (nach Greenpeace) weglassen. Auch die High-Level Commision on Carbon Prices fordert ein solches Subventionsende (High-Level Commision on Carbon Prices 2017: 25). Erst danach mache eine Bepreisung überhaupt Sinn. Nicht vergessen werden sollten die Steuerprivilegien für Kerosin im Flugverkehr, Schweröl in der Schifffahrt, Dienstwagenprivileg und die steuerliche Förderung von schweren Geschäftswagen (zwei Drittel aller Neuzulassungen von Pkw) (vgl. Wolf 2019).

Dann wiederum soll durch die Besteuerung auch das „Verhalten der Konsumenten“ geändert werden, gleichzeitig wird aber versprochen, dass natürlich die Spritpreise nicht spürbar steigen würden. Erfahrungsgemäß werden auch besonders energieintensive Industrien aus entsprechenden Regelungen herausgenommen, um die „Wettbewerbsfähigkeit“ des eigenen Landes nicht zu gefährden. Auch die High-Level Commision on Carbon Prices will „Störungen im Handel und Kapitalflüssen verhindern“. Und das DIW verspricht: „Bei entsprechender Ausgestaltung bleiben unerwünschte Nebenwirkungen, beispielsweise für das Wachstum der Wirtschaft, in engen Grenzen.“ (DIW 1994: 16)

Das Ganze wird also in bewährter Weise wieder eine Aktion nach dem Prinzip „Wasch  mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.“

Internationale und intergenerationelle Gerechtigkeit

Es wird meist versprochen, dass nicht die unteren Einkommensschichten, die sowieso nicht so einen großen Anteil an den Emissionen haben, nicht überproportional von der Steuer belastet werden, sondern die Einnahmen durch die Steuer sozialverträglich zur Kompensation der Belastungen eingesetzt werden sollen.

Wenn es ganz grundsätzlich um Klimagerechtigkeit geht, dürfte auch der internationale und intergenerationelle Kontext nicht ausgeblendet werden. Der oben genannte Wert von 180 Euro Schaden pro Tonne CO2-Emissionen bezieht sich auf das Jahr 2016 (UBA 2019). Dabei werden allerdings die Schäden, die der nächsten Generation entstehen, nur zu 74% eingerechnet, und die der übernächsten Generation nur zu 55% berücksichtigt. Wenn man die heutigen und späteren Schäden gleich bewertet, steigt die Schadenssumme auf 640 Euro/tCO2 (ebd.: 9)!

Wenn ich das richtig verstanden habe, beziehen sich die Kosten jeweils auf die weltweit erwarteten Schäden. Auf jeden Fall müssten die durch eine angemessen hohe Steuer erbrachten Einnahmen nicht nur national an sozial Schwächere zurückgegeben werden, sondern im internationalen Rahmen, denn diese werden den größten Teil der Schäden zu tragen haben.

Allerdings sind viele Schäden durch die fossilen Energien gar nicht bepreisbar. Wie steht es da z.B. mit der tödlichen Dauer-Ölkatastrophe im Nigerdelta?

„Kein „gerechter“ Preis fürs Öl [… wird] das ökologische Desaster im nigerianischen Ogoni-Delta beenden…“ (Spehr 1996: 215)

Wenn wirksam, dann unbezahlbar

Ich denke, dass die genannten Werte einer CO2-„Bepreisung“, u.a. durch Steuern, bisher als viel zu klein angesetzt werden, um eine Akzeptanz zu erreichen und vor allem, um nicht wirklich etwas an der Wirtschafts- und Lebensweise ändern zu müssen.

Da viele Schäden erst später anfallen, vor allem wenn das Klima nicht nur eine langsame Erwärmung durchläuft, sondern extreme Klimaschwankungen ausgelöst werden („Klima-Umbruch“, heraus aus den über 10 000 Jahre recht stabilen Klimabedingungen), müsste der Wert noch viel höher angesetzt werden. Bei den ähnlichen IPCC-Schätzungen (IPCC 2014: 691) werden Studien ausgewertet, die bis auf zwei Fälle einen Temperaturanstieg um bis zu 3 Grad annehmen. Bei höheren Temperaturen steigen die Schäden natürlich extrem an und auch bei unter 3 Grad wurde hier noch optimistisch angenommen, dass die gefürchteten Kipppunkte des Klimas bis dahin noch nicht ausgelöst wurden, was sich mittlerweile kaum noch halten lässt. Genau genommen müssten die Steuern also sehr viel höher sein als in allen bisherigen Schätzungen.

Auch wenn die Steuern doch nicht die realen Schäden kompensieren sollen, sondern „nur“ Verhaltens- und Technologieveränderungen auslösen sollen, die endlich einen deutlichen „Knick“ nach unten in den Emissionswerten erreichen, müsste ihr Ausmaß so groß sein, dass es wirklich deutlich „weh tut“. Wenn es nicht „weh tut“, bewirkt es nicht wirklich etwas, wie wir nach mehreren Jahrzehnten Erfahrung wissen. Wie die High-Level-Commission on Carbon Prices darauf kommt, dass die „Bepreisung“ im Bereich von 40-80 US$/tCO2 für 2020 (und 50-100 US$/tCO2 für 2030) ausreicht, erschließt sich mir angesichts der bisher nicht erreichten Ergebnisse nicht. Damit werden falsche Hoffnungen auf viel Ergebnis ohne großen Aufwand geweckt und stärkere Maßnahmen verzögert.

Im Zusammenhang mit der Diskussion der notwendigen Senkung des Primärenergieverbrauchs um 50% (was im Energiekonzept 2010 für den Zeitraum 2008 bis 2050 angestrebt wird) wurde bereits die „Preisabhängigkeit der Energienachfrage“ (Pauli, Garnreiter 1994: 21) diskutiert. Es kam heraus, dass für eine preisinduzierte Halbierung des Verbrauchs die Energiepreise um das 15-fache steigen müssten (ebd.: 22). Das heißt:

„Wenn in unseren […] umweltmörderischen Umgang mit Energieträgern mehr als nur kosmetisch […] eingegriffen werden soll, dann ist eine Energiesteuer als zentrales Instrument nur noch theoretisch rechenbar.“ (ebd.: 22)

Dasselbe gilt auch für die Wirksamkeit einer CO2-Steuer.

Markt löst kein Problem, sondern ist das Problem

Um wirklich angemessene Maßnahmen zur Senkung der Emissionen auszulösen, müsste der Marktimpuls so groß sein, dass er das Marktgefüge selbst in Frage stellt. Das wird zwar als große Gefahr beschrieben, aber dies zu begreifen zeigt, dass rein marktwirtschaftliche Strategien grundsätzlich keine angemessenen Lösungen für globale Probleme liefern können.

„Unter kapitalistischen Produktionsbedingungen können keine ernsthaften Versuche einer gesamtwirtschaftlichen Kostenrechnung realisiert werden – ein Unternehmen, das auf eine Maximierung seiner Gewinnspanne, auf ein weiteres Wachstum freiwillig verzichtet, versündigt sich ja geradezu an seinen Besitzern.“ (Konicz 2010: 11)

Solange Marktakteure sich im Rahmen der Konkurrenz bewähren müssen und nur Preissignale für ihre Entscheidungen haben, spielt nur die „zahlungskräftige Nachfrage“ eine Rolle. Übrigens konterkariert sich die CO2-Bepreisung dadurch auch. Wenn durch eine derartige Bepreisung die Nachfrage nach fossilen Rohstoffen tatsächlich fallen würde… fiele auch der Grundpreis. Und fallende Preise… erzeugen neue Nachfrage. Umso höher müsste also die entsprechende Steuer sein…

Politik muss und kann sich auch zu weiten Teilen der dabei Eigenlogik der kapitalbestimmten Märkte entgegen stellen, vor allem wenn auch die Interessen des nationalen „Gesamtkapitalisten“ auf dem Spiel stehen. Der Korridor, innerhalb dessen solche Einflüsse möglich sind, wird jedoch durch die Funktionsweise des Kapitalismus begrenzt. Die Grenze der Wettbewerbsfähigkeit ist keine mit politischem Willen überschreitbare Schranke. Auch die Grenze der Profitabilität kann nicht überschritten werden. Auch technisch wird nur das gemacht, was dem wirklichen Zweck der kapitalistischen Produktion entspricht, nämlich Profit zu machen. Dezentrale, kleinräumige, von den regionalen Einwohnern selbst betriebene regenerative Energiesysteme gehören z.B. nicht dazu, deshalb wurde und wird an dieser Stelle durchaus erfolgreich politische Lobbyarbeit durch die Energiegroßkonzerne betrieben.

Deutlich werden diese strukturellen Grenzen auch in der lokalen Klimaarbeit. Das Wachstum der Städte darf nicht in Frage gestellt werden. Der Wohlstand sowieso nicht und der Vorrang von Autos ist angesichts mangelnder guter Alternativen und oft weiter Entfernungen zwischen Wohn- und Arbeitsorten nicht diskussionsfähig. An Bauherren kann keine Forderung z.B. nach Passivhausanforderungen gestellt werden. Die Essenslieferung in Kindertagesstätten darf gefrostet und mit hohem Energieaufwand wieder aufgewärmt werden. Die Nahverkehrspreise werden im Verbund und nicht vor Ort gemacht, ihre Strecken enden abrupt an den Kreisgrenzen. Im Dschungel der real existierenden Verwaltungs“notwendigkeiten“ ersticken die meisten wohlmeinend-naiven Emissionsminderungsvorschläge. Im „Klimanetz Region Jena“ kam ich mir bei vielen solchen Debatten vor wie in einem Flugzeugcockpit, bei dem es viele Knöpfchen gab, an denen wir durchaus in „demokratischer Mitwirkung“ herumdrehen können, die aber nichts Wichtiges bewirken. Denn das Steuer bleibt zuverlässig in anderen Händen.

Wirksamer für einen Ausbau der erneuerbaren Energien als eine CO2-Steuer wäre z.B. der Verzicht auf neue Regelungen, die Energiegenossenschaften stark behindern (wie das Streichen des solaren Grünstromprivilegs und der neuen Ausschreibungsforderungen).

Wachstumszwang

Eine weitere solche unüberwindbare Grenze ist der für alle kapitalistischen Akteure gegebene Zwang, zu wachsen. Auch ich werde immer mehr Geld brauchen, um meine zu geringe Rente und Pflegekosten aufstocken zu können. Unternehmen sind umso mehr darauf angewiesen, immer mehr Umsatz zu machen, und mehr Umsatz bedeutet entgegen früheren Hoffnungen auf eine „Dematerialisierung“ immer noch immer mehr Stoff- und Energieeinsatz. Dabei werden Effizienzerfolge der letzten drei Jahrzehnte vom sog. „Reboundeffekt“ regelmäßig aufgefressen.

„Die Wahrheit ist, dass kein Land im Hinblick auf ein langfristiges Umweltproblem sein Wachstum oder seinen Konsum wesentlich zurückfahren wird.“ (Tony Blair)

Mehr vom Gift der Kapitalisierung

Mit so etwas wie dem Emissionszertifikatehandel und auch einer Bepreisung von Ressourcen oder Umweltschäden wird auf marktwirtschaftlichen Mechanismen gesetzt, die die „organisierte Verantwortungslogikeit“ systematisch hervorbringen.

„Parzellen der Natur werden also in Waren verwandelt und mit einem Preis versehen in der Erwartung, daß bei einer Auspreisung der Natur deren Nutzung „rational“ erfolgen würde.“ (Altvater 1986: 134)

Die natürlichen Quellen und Senken werden damit „in-Wert-gesetzt“. Als ökonomische Werte sind sie nicht aus ihrer eigenen Qualität heraus etwas „wert“, sondern nur insofern sie im Tauschhandel Vorteile bringen.

André Gorz spricht von einer „Kapitalisierung der Natur“, von einer „Einverleibung aller das Leben ermöglichenden Faktoren und Voraussetzungen durch das Kapital“ (Gorz 1973: 140). Er fährt fort:

Das Profitgesetz wird in die letzten Enklaven der Natur eingedrungen sein; die Luft selbst wird zur Ware geworden sein; der Totalitarismus des Kapitals und damit die Monopolisierung der Wirtschaft wird vollkommen sein.“ (Gorz ebd.).

Strukturveränderungen

Der Vorrang des Profites zeigt sich an all den Schranken, die sich gegenüber von schon oft erstellen Vorschlägen und gestellten Forderungen aufrichten. Investoren müssen befriedigt werden, der Standortwettbewerb dreht sich – außer in touristisch attraktiven Ausnahmefällen – um ökonomische Bilanzen und nicht um ökologische. Individuelle Verhaltensänderungen oder durch Bepreisung erhöhter Druck auf die Reduzierung von motorisiertem Individualverkehr braucht strukturelle Änderungen im öffentlichen Verkehr; die Entwicklung einer regional angepasste und dezentral-vernetzte bürgernahe Energieversorgung wird durch Gesetz- und Verordnungsgebung zugunsten von Großkonzernen ausgehebelt usw. usf.. Hier sind also überall grundsätzliche Strukturveränderungen notwendig. Nicht nur ein leichtes Regulieren, sondern ein „ganz anderes Preisgefüge“ (Garnreiter 2017: 45) wäre notwendig. Die vom DIW befürchteten „unerwünschten Nebenwirkungen“ – verbunden mit einem Ausbremsen der Konsum- und Stoff-, sowie Energieströme, der Entschleunigung usw. müssten eigentlich das Hauptmittel zur Emissionsreduzierung sein.

Im Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU) wurde schon im Jahr 2011 die notwendige strukturelle Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft als „Große Transformation“ bezeichnet und verglichen mit solchen menschheitsgeschichtlichen Transformationen wie der neolithischen und der industriellen Revolution. Das heißt, ein zaghaftes Drehen an dieser oder jener Schraube, die die grundsätzliche Richtung unserer Bewegung nicht ändert, wird nicht ausreichen, um „in den Knick“ zu kommen. Wir werden, wie schon seit einem Vierteljahrhundert, nur ungenügende Ergebnisse aller Bemühungen sehen. Und es wird von Jahr zu Jahr, das versäumt wird, schlimmere Folgen zeitigen, weil der Klima- Umbruch der Wirksamkeit unserer Taten vorauseilt.

Die Forderungen können also kaum groß genug sein, und dies betrifft nur zu einem Teil Forderungen an die Politik. Wir müssen auch jene Wirtschaftsweise in Frage stellen, die anscheinend viele von uns noch gut genug versorgt, um sie nur in höchster Not aufgeben zu wollen. Und wir müssen uns selbst darauf einstellen, dass ein zufriedenstellendes Leben in der Zukunft nicht mehr an materiellem Wachstum orientiert sein kann.

Jedes Zurückbleiben hinter diesem Ausmaß an Veränderungen werden wir und unsere Nachkommen bitter zu spüren bekommen, auch wenn wir jetzt erst mal das schöne Gefühl, doch irgendwas dagegen tun zu wollen, aufrechterhalten können. Jede „kleine Maßnahme“ muss letztlich daraufhin befragt werden, ob sie ausreichend genug ist, um nicht sogar die größeren Vorhaben zu verleugnen, zu verdecken, d.h. als „Beruhigungspille“ zu wirken. Falsche Hoffnungen verzögern das wirklich Wichtige. Aktivitäten mit Alibifunktionen nützen dem Klima nichts und uns auch nur kurzfristig.

Alternativen

In der FAZ wird gefragt: „Gibt es etwas Besseres?“ Die Zeit drängt. Sogar wenn jemand eingesehen hat: „Wer vom Klima redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen“ fragt dann doch zaghaft: „Aber den Kapitalismus werden wir ja nicht so schnell wegkriegen, sollten wir dann nicht alles andere tun, was vielleicht die Emissionen verringert?“.

Ja natürlich, das können und sollten wir alles tun. Auch die wenigen individuell beeinflussbaren Faktoren oder lokale Initiativen und Forderungen an die Politik sind wichtig. Das darf aber nicht dazu führen, den wirklich notwendigen Struktur- und Gesellschaftswandel hinauszuschieben.

Wie schon erwähnt, erfordert auch die Wirksamkeit einer CO2-Steuer als Voraussetzung wenigstens den Stopp aller Subventionen für fossile Energieträger und eine deutliche Bevorzugung Erneuerbarer Energien (die wegen angeblich zu hoher „Subventionierung“ ausgebremst wurden) – vor allem durch infrastrukturelle Maßnahmen (Speicher) und die entsprechende dezentral-vernetzte Ausgestaltung der Stromnetze, verbunden mit der Rücknahme juristischer Bremsen für ihren Ausbau.

Die Energiewirtschaft gehört genauso, wie infrastrukturell und lebensnotwendig wichtige Bereiche wenigstens in die öffentliche Hand statt in profitable „Portfolios“. Entflechtung von monopolistischen Konzernriesen und eine Entkommerzialisierung wichtiger Lebensbereiche müssen auf dem Plan stehen.

Neben vielen immer wieder genannten Forderungen müsste z.B. auf Werbung zwecks Ausdehnung der Konsummasse verzichtet werden. Wenn auch wir Erwachsenen nicht nur die SchülerInnen bei ihren Aktionen „unterstützen“, sondern ebenfalls echt am Freitag streiken würden, dann könnten wir wirklich was bewirken. Dann würde ein Fünftel weniger gearbeitet, weniger Material und Energie verbraucht, ein Fünftel weniger Umwelt belastet und Treibhausgase emittiert. Ich bin mir sicher, dass es dann längst noch keinen Mangel an benötigten Gütern gäbe. In Krankenhäusern und Pflegeheimen könnten dann woanders Streikende mit aushelfen. Wir würden die Verantwortung für das Wichtige in einer entstehenden solidarischen Kooperation tragen und uns mit diesen Solidarnetzwerken auf eine Zukunft vorbereiten, die eine „Große Transformation“ auch unter klimatisch schweren Bedingungen zugunsten aller Menschen auf der Erde human und ökologisch resilient und verträglich gestalten kann. Nach einem Generalstreik fürs Überleben könnten wir dann echt auf eine „Ökonomie der Gebrauchswerte“ (Karathanassis 2015: 203) umsteigen, d.h. eine neue Wirtschafts- und Lebensweise „nach dem Kapitalismus“. Dies benötigt weniger neue Techniken oder neue Preise, als vielmehr eine grundsätzlich andere Weltsicht und Lebenspraxis. Ökonomie ist dann keine marktförmige Beziehung vereinzelter Marktteilnehmer mehr, die nur jeweils auf Kosten anderer oder der Natur vorankommen, sondern wird von uns von vornherein gesellschaftlich arbeitsteilig und kooperativ organisiert, wie wir es in unserer weltweiten kommunikativen Vernetzung auch von anderen Aktivitäten her kennen.

Die Zeit ist gekommen, in der wir nur noch mit Utopien überleben, oder mehr und mehr in einen Verteidigungs-, Kampf- und Ausgrenzungsmodus kommen und dabei unsere Menschlichkeit verlieren.

Literatur

Altvater, Elmar (1986): Lebensgrundlage (Natur) und Lebensunterhalt (Arbeit). In: Elmar Altvater, Erika Hickel, Jürgen Hoffmann u.a.: Markt, Mensch, Natur. Zur Vermarktung von Arbeit und Umwelt. Hamburg: VSA- Verlag. S. 133-155.

Blair, Tony (2005): Rede in New York, 2005, zit. nach Kevin Smith: Klimawandel und Emissionshandel, in: G 8 – Macht – Politik. Wie die Welt beherrscht wird; hrsg. von Henning Melber und Cornelia Weiß, Brandes & Apsel, Frankfurt/M. 2007, S. 124.

BMWI (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) (2010): Energiekonzept für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung.

DIW (1994): Ökosteuer – Sackgasse oder Königsweg? Ein Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung im Auftrag von Greenpeace. Greenpeace Studie Wirtschaft.

Fritz, Thomas (2007): Heizen mit Weizen. Kollateralschäden des Welthandels mit Bioenergie. In: ak – analyse&kritik (21.09.2007).

Garnreiter, Franz (2017): Klima-Zerstörung. Die Verantwortungslosigkeit kapitalistischer Gesellschaften. isw-Spezial Nr. 30.

Gorz, André (1973): Ökologie und Revolution. Eine Debatte. In: Kursbuch 33 (Oktober 1973: Ökologie und Politik oder Die Zukunft der Industrialisierung. S. 134-142.

High-Level Commision on Carbon Prices (2017): Report of the High-Level Commision on Carbon Prices.

IPCC (2014): Climate Change 2014. Impacts, Adaption, and Vulnerability. Part A: Global and Sectoral Aspects. Working Group II. Contribution tot he Fifth Assesment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change.

Karathanassis, Athanasios (2015): Kapitalistische Naturverhältnisse. Ursachen von Naturzerstörungen – Begründung einer Postwachstumsökonomie. Hamburg: VSA Verlag.

Konicz, Tomasz (2ß10): Kapitalistische Klimakrise. junge Welt, 12. Januar 2010, S. 10-11.

Pauli, Charles; Garnreiter, Fritz (1994): Markt, Umweltschutz, Energiesteuer. Zur Diskussion über umweltverträgliche wirtschaftliche Entwicklung. isw Report Nr. 21.

Spehr, Christoph (1996): Die Ökofalle. Nachhaltigkeit und Krise. Wien: Promedia.

Umweltbundesamt (2019): Methodenkonvention 3.0 zur Ermittlung von Umweltkosten. Kostensätze, Stand 02/2019. Dessau-Roßlau.

Wolf, Winfried (2019): Noch eine Steuer. Unsere Zeit. 18. April 2019.