Anstatt anderen die Schuld zuzuschreiben, wenn mirs schlecht geht, anstatt mich bloß defensiv zu rechtfertigen, wenn ich mich falsch verstanden fühle, anstatt mich auf scheinbar widerspruchsfreien Lösungen hier und sofort zu versteifen, kann mir die Soziale Selbstverständigung mit anderen weiter helfen.

Zwar haben auch die anderen Menschen ihre jeweils sehr individuellen Gründe, sich so oder so zu verhalten – aber wir leben in derselben Welt mit den gleichen gesellschaftlichen Verhältnissen und haben ähnliche Lebensprobleme zu bewältigen. Aus diesem Grund können Gespräche zu allgemeinen Erkenntnissen führen, die wiederum mir in meiner ganz individuellen Lebensführung helfen können.

Wie im zweiten Input unseres Seminarwochenendes erläutert wurde, geht es bei der Sozialen Selbstverständigung um eine Verständigung über unsere je individuellen Handlungsgründe, die auf Bedingungen verweisen, die wir in der Welt teilen. Dabei können wir uns aus dem unmittelbaren Lebensvollzug lösen und letztlich auch zu einer Art subjektwissenschaftlicher Verallgemeinerung kommen, die nicht die abstrakten Gemeinsamkeiten hervorhebt, sondern jeder beteiligten Person den tatsächlichen Zusammenhang zwischen den eigenen Befindlichkeiten und den gesellschaftlichen Bedingungen in seiner vielfältigen Vermitteltheit zu erkennen hilft. Individuelle Betroffenheit wird dabei entprivatisiert, ohne das die einzelnen „Fälle“ zu bloßen empirischen Beispielen abstrakter Aussagen werden.

Was hat diese Verständigungsform nun mit Emanzipation zu tun, wie im Seminartitel versprochen? Die Soziale Selbstverständigung ist selbst ein Teil der Emanzipation, denn das Erkennen der Bedingungen ist eine Voraussetzung für die Erweiterung der Verfügung über diese Bedingungen. Außerdem beinhaltet die Soziale Selbstverständigung eine Inklusionslogik: Wir brauchen einander, um die Vermittlungen zwischen jeweils uns und der Welt zu verstehen.

Nach der Referierung einiger Kerngedanken des Inputs hier nun wieder mehr zu meinen eigenen Gedanken dazu:

Mit dem Thema der Sozialen Selbstverständigung gelangen wir nun endlich zur Umsetzung der Begriffe und Konzepte der Kritischen Psychologie, die sich viele von uns schon seit vielen Jahren aneignen. Wir kommen aus verschiedenen Praxen, bei denen es uns drängt, das Wissen aus der Kritischen Psychologie nutzbar zu machen.

Die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale, um das hier mal etwas plakativ zusammen zu tragen, der Kritischen Psychologie gegenüber anderen psychologischen Konzepten sind

  1. die Einbeziehung der objektiven gesellschaftlichen Bedingungen in alle Fragestellungen und
  2. der unbedingte Subjektstandpunkt in der Theorie und auch der Praxis der Kritischen Psychologie.

Das bedeutet, dass andere Theorien und Praxen aus diesem Gesichtspunkt eher defizitär sind, was nicht bedeutet, dass nicht z.B. die systemische Therapie auch die gesellschaftlichen Einflüsse thematisieren könnte oder die Humanistische Psychologie auf das Subjekt orientiert ist, so wie sie es versteht. Ich glaube, nur gegenüber der Freudschen Psychoanalyse gibt es eine ausführliche und fundierte Arbeit zur „Reinterpretation“ dessen, was daraus wertvoll ist, verbunden mit einer spezifischen Kritik (Ute Holzkamp-Osterkamp: „Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung 2“).

Im Feld der Praxis menschlicher Verständigung, Kommunikation, Dialoge usw. ist außerhalb und unabhängig von der Kritischen Psychologie eine ungeheure Breite entstanden. Nicht nur im Bereich der Therapie, auch der politischen und verschiedenen anderen Gruppenpraxen werden verschiedenste Techniken und Konzepte ausprobiert. Mit den Grundüberlegungen und Begriffen der Kritischen Psychologie kann man in alle hineingehen und schauen, inwieweit die wichtigen Erkenntnisse daraus bereits integriert sind oder integriert werden können. Andererseits habe ich auch immer danach gesucht, ob es nicht bei den VertreterInnen der Kritischen Psychologie Bemühungen gibt, die eigenen Konzepte in eine eigenständige Praxis überzuführen. Gefunden habe ich die Erinnerungsarbeit bei Frigga Haug und die Entwicklungsfigur, vor allem von Morus Markard. Bei der Ferienuni zur Kritischen Psychologie im Jahr 2012 erfuhr ich in einer Arbeitsgruppe mehr über die bereits vorliegenden praktischen Umsetzungs- und Entwicklungsversuche, so lernte ich dadurch auch die Dialogpraxis Multiloog kennen. Trotzdem ist das alles viel zu wenig bekannt und vor allem: wir benutzen es selbst alle nicht, wenn wir uns miteinander verständigen. Wenn ich mit meiner Gruppe Gesprächspraktiken üben will, bin ich weiterhin auf Gewaltfreie Kommunikation, Sokratische Gespräche (1, 2) usw. verwiesen, die aber alle aus Sicht der Kritischen Psychologie Mankos haben, die nur schwer innerhalb der Methode auszuräumen sind.

Wie würde denn eine Praxis aussehen, die von vornherein auf den Grundlagen der Kritischen Psychologie beruht?

Dieser Frage widmete sich das diesjährige Wochenende in Hiddinghausen. Nach den beiden Inputs am Vortag setzten wir am Samstag in Arbeitsgruppen einen Leitfaden um, den eine Vorbereitungsgruppe erarbeitet hatte. Dabei sollten möglichst mehrere Personen über Situationen berichten, in denen sie Probleme mit ihrer Lebensführung haben. Die Arbeitsgruppen bildeten sich entlang von zuvor gesammelten Lebensbereichen wie „Gesellschaftliches Engagement und Lohnarbeit“, „Wohnen“, „Bildung/Wissenschaft/Lernen“ und „Beziehungen“. Zum Thema „Beziehungen“ wurden aufgrund des besonders großen Interesses sogar zwei Gruppen gebildet. Ich selbst war in der Gruppe „Gesellschaftliches Engagement und Lohnarbeit“ – wer mich kennt, wird wissen, warum 😉

Leider hatten wir für die eigentliche AG-Arbeit letztlich nur einen Vormittag, das war letztlich zu kurz für mehrere intensive Berichte mit analytischer Durcharbeitung. Diejenigen, die mit ihrer aktuellen Problemlage zu Wort kamen, fanden die Gesprächssituation aber durchaus sehr produktiv.

Was meiner Meinung nach noch fehlt, ist eine deutlichere Aufgabenstellung der einzelnen Gesprächsphasen im Sinne der Kritischen Psychologie. Die Gefahr ist recht groß, in allgemeine Psycho-Gespräche zu rutschen. Dies ist an sich ja nichts Schlechtes, aber dabei kommt die Spezifik der Kritischen Psychologie zu kurz. Daran werden wir noch arbeiten müssen. Mich erinnert das an das Herangehen bei den Sokratischen Gesprächen, bei denen auch ein theoretisches Konzept im Hintergrund methodenleitend ist. Ich hätte mir auch gewünscht, dass die schon vorhandenen Praxisansätze der Kritischen Psychologie aufgegriffen worden wären, aber vielleicht ist es auch gut, sich erst mal eigenständig „frei zu schwimmen“.

Am Nachmittag trugen wir die Ergebnisse aus den Gruppen zusammen. Deutlich wurde, dass die beiden Handlungsrichtungen – einerseits die bloße Bewältigung innerhalb der vorhandenen Möglichkeiten, andererseits das Überschreiten des Gegebenen – sehr eng miteinander verflochten sind. Außerdem zeigte sich, dass die vorher unterschiedenen Lebensbereiche nicht streng voneinander zu trennen sind.

An dieser Stelle muss ich den Bericht stark abkürzen, leider ist das Geschehen für nicht Anwesende über diese schriftliche Blogform nicht wirklich nacherlebbar zu gestalten.

Bereits an diesem Wochenende wurde auch über die Erfahrungen mit dem vorgeschlagenen Vorgehen diskutiert. Wie am letzten Tag noch eine Abrundung des Seminars gelingen kann, wurde auch erst in der Nacht zuvor erarbeitet und dies meiner Meinung nach mit sehr guten Ergebnissen. Es entstand ein schönes Bild für die Lebenssituation von vielen unter uns: Wir stehen mit dem Standbein noch im Kapitalismus, aber wir schwingen das Spielbein, das diese Verhältnisse bereits überschreitet. Wir nannten das Ganze den „Commons-Tanz“. Und deutlich wurde auch: Man kann so nur herumhüpfen, wenn man sich an den Händen fasst dabei und niemand alleine bleibt.

Ich habe eine Wikiseite der Zukunftswerkstatt zum Sammeln aller Links zum Thema der Sozialen Selbstverständigung eingerichtet.

Frühere Texte von mir dazu:


Advertisements